Veranstaltungen

Vorträge und Gespräche

Freitag, 26. Mai 2017 um 18 Uhr im Museum Folkwang, Gartensaal
Günter Karl Bose
Fertig zum Druck. Zur Vorgeschichte von Pressefotos

Seit Bilder digital gespeichert werden, fällt der Müll auf, den Fotografie und Zeitungsindustrie hinterlassen haben. »Our junk has become history«, bemerkt  Susan Sontag in einem ihrer 1977 erschienenen Essays On Photography. »Our junk has become art.« Seit Zeitungen weltweit ihre Archive auflösen und Millionen von Fotos auf den Markt oder im Abfall landen, hat sich das spezifische Gewicht von Bildern verändert. Statt in Kubikmetern wird in Tera- oder Petabyte gerechnet. Ganz nutzlos sind ‹Retuschen‹ geworden, deren Sinn mit der Technologie verschwand, der sie einmal dienten. Die Retusche gehörte zu den Routinen der Zeitungsarbeit. Sie gehört noch heute dazu. Aber die Aerographen sind verschwunden, wie die Pressluftflaschen und die Sortimente feiner und grober Pinsel, die graue und die schwarze Farbe, mit der sich alles machen ließ. Eine Reihe von Spezialisten war damit beschäftigt, Bilder für den Druck vorzubereiten. Spuren davon finden sich neben den Retuschen auf vielen der Pressefotos: Passkreuze, Stempel, Bearbeitungsvermerke, Signaturen, Aufkleber, Stichworte oder ganze Geschichten. Manche der Bilder, die sich einmal in Räumen stapelten, die von Zeitungsleuten nicht zufällig ›Morgue‹ genannt wurden, sind beim Umschichten wieder ans Tageslicht gekommen. Sie erscheinen als Kunst wiederbelebt vor unseren Augen.

Günter Karl Bose, geb. 1951, studierte Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Freiburg. Von 1980 bis 1995 war er Verleger in Berlin (Brinkmann & Bose). Seit 1993 ist er Professor für Typografie und Leiter des Instituts für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Als Gestalter arbeitet er für kulturelle Institutionen und Verlage. Er hat zahlreiche Publikationen zur Kultur- und Mediengeschichte veröffentlicht. Zuletzt erschienen 2013 »Das Ende einer Last. Die Befreiung von den Büchern« und 2015 »Stardust. Ein Kapitel aus der Geschichte des Gesichts«, dieses mit Fotografien aus der Sammlung von Günter Karl Bose.

In Kooperation mit dem Kunstring Folkwang e.V., Verein der Freunde des Museum Folkwang Teilnahmebeitrag 5 € / 2,50 € / Mitglieder des Kunstring Folkwang frei.

Unterstützt durch die Sparkasse Essen

Günter Karl Bose

 

 

Donnerstag, 11. Mai 2017 um 18 Uhr
Vortrag zur Ausstellung Maria Lassnig
Gottfried Boehm: Der unbekannte Körper. Über Maria Lassnig

Die Retrospektive des Museum Folkwang bietet dem Publikum die Chance, sich mit einem verborgenen künstlerischen Kontinent vertraut zu machen. Maria Lassnig (1919-2014) ist längst als eine der eminenten Künstlerinnen ihrer Generation anerkannt und glänzt doch weiterhin in rätselvollem Licht. Das betrifft ein weit gespanntes Œuvre, das auf Lebensstationen zwischen Kärnten, Wien, Paris und New York entstanden ist und dabei auch vielfältige Einflüsse aufgenommen hat. Ein weiter Bogen spannt sich vom abstrakten  Beginn unter tachistischen Vorzeichen, über surreale Resonanzen bis hin zu medientechnischen Figurationen im Spätwerk. In dieser großen Divergenz dominiert jedoch als magnetischer Pol eine starke Faszination durch den menschlichen Körper, der als ein ganz anderer erscheint: fragmentiert, auf einzelne Organe reduziert oder in Dinge, Maschinen oder Tiere verwandelt. Es sind zutiefst verfremdete Körper, jenseits gängiger Erwartungen.

Der Vortrag setzt sich zum Ziel, das eigentliche Konzept der Künstlerin zu ermitteln, das sie selbst im Wort „Körpergefühl“ identifiziert hat. Dahinter verbirgt sich die faszinierende Einsicht, nicht von einem abstrakten Künstlersubjekt auszugehen, sondern von jenen dunklen und intensiven Empfindungen, die im eigenen Leib aufgespürt werden. Der Körper als bilderzeugende Kraft – in diesem Satz lässt sich ihre Intention knapp zusammenfassen. Diese Kraft ist selbst gestaltlos, drängt aber umso mehr mittels Vorstellungen, Phantasien, Erinnerungen oder Beobachtungen zum Ausdruck in den Bildkörpern ihrer Malerei. Es wird also darum gehen, ihr Œuvre von jenem magnetischen Pol aus in den Blick zu nehmen und seine Rätselhaftigkeit zu erhellen. Auf einem Weg, der sich an der Abfolge der Ausstellung orientiert und in ausgewählten Exempeln an die Erfahrungen anknüpft, die die Besucher selbst machen können.

Prof. Dr. phil. Gottfried Boehm (*1942 Braunau/Böhmen) studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in Köln, Wien und Heidelberg. Auf seine Promotion 1968 in Philosophie folgte 1974 die Habilitation in Kunstgeschichte in Heidelberg. Boehms Forschungs- und Lehrtätigkeit zählt unter anderem Stationen an der Ruhr-Universität Bochum (1975-1979), an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1979-1986) sowie sein Amt als Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Basel seit 1986, wo er 2012 emeritiert wurde. Gottfried Boehm war u.a. Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin (2001/2002) und Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunktes (NFS) „Bildkritik“ (2005). Seit Juli 2006 gehört er als korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an, seit 2011 ebenso der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2011 lehrt er im Rahmen der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an der Universität Mainz.
Zu seinen bekanntesten Schriften gehören Was ist ein Bild? (1994); Wie Bilder Sinn erzeugen (2007); Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt (2008); Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren (2010).

In Kooperation mit dem Kunstring Folkwang e.V., Verein der Freunde des Museum Folkwang

Teilnahmebeitrag 5 € / 2,50 € / Mitglieder des Kunstring Folkwang frei. Begrenzte Teilnehmerzahl.

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
www.museum-folkwang.de
www.kunstring-folkwang.de  

Prof. Dr. phil. Gottfried Boehm