Geschichte

Essays

Harald Goebell

Hundert Jahre Kunstring Folkwang

Es mag verwundern, dass wir im Jahre 2001 den hundertsten Geburtstag des Kunstring Folkwang feiern, wo doch im Jahre 1960 das „Goldjubiläum“ mit 50 Jahren begangen wurde. Man bezog sich damals auf das Jahr 1910, in dem der Essener Kunstverein entstand.

Faktisch geht die Arbeit des Kunstrings aber auf den 1901 gegründeten Essener Museumsverein zurück. Dieser Gründung war um die Jahrhundertwende eine mächtige Initiative vorausgegangen, der bereits auf ca. 100 000 Menschen angewachsenen und sich stetig ausdehnenden Industriestadt einen kulturell-geistigen  Mittelpunkt zu geben. Ein Museum wurde als Kristallisationspunkt angesehen und mit aller Kraft angestrebt. So mündeten die Bestrebungen des Essener Historischen Vereins von 1880 und des Kruppschen Bildungsvereins von 1899, die bereits kleine Ausstellungen veranstaltet hatten, in die Gründung des Museumsvereins im Jahre 1901 mit 312 Mitgliedern. Zu ihnen gehörten viele angesehene Bürger, darunter auch viele Stadtverordnete. Ziel war die Errichtung eines Museums, in dem die bereits in der Stadt vorhandenen Sammlungen ortsgeschichtlicher, naturwissenschaftlicher und ethnologischer Art zusammengefaßt werden sollten und die Einrichtung einer Kunstabteilung. In dieser sollten „moderne Gemälde“ den Menschen den kulturellen Geist ihrer Zeit vermitteln. Wir können also eine museale und eine pädagogische Zielsetzung unterscheiden. Die letztere ist in der weiteren Entwicklung in die Aufgaben des Kunstrings eingeflossen und hat sich dort in nahezu idealer Weise mit dem Folkwang-Gedanken von Karl Ernst Osthaus verbunden, als dessen Sammlung 1922 nach Essen kam.

In den Jahren bis 1910 - die angestrebte Museumsgründung erfolgte inzwischen 1904 - hat der Museumsverein parallel zu seinen pädagogischen Aktivitäten Ausstellungen veranstaltet und auch die Museumsbestände verwaltet. 1910 wurde das Museum infolge des enormen Anwachsens der Bestände aus Essener Stiftungen verwaltungsmäßig selbständig, insbesondere das Kunstmuseum, welches nun einer „Museumsdeputation“ mit starker Beteiligung der Stadt unterstellt wurde. Drei der 15 Mitglieder dieser Kommission wurden von dem Verein gestellt, der sich ab jetzt „Essener Kunstverein“ nannte. In ihn gingen alle ursprünglichen Mitglieder des Museumsvereins und auch dessen finanzielle Mittel über. Die Leitung des Kunstmuseums übernahm Ernst Gosebruch, der 1906 als Assistent für Ausstellungen in die Kunstabteilung eingetreten war. Es muß besonders dankbar hervorgehoben werden, dass der Pädagoge Paul Borchardt von 1901 an unermüdlich und ehrenamtlich die Gründung des Museums vorbereitet und begleitet hat. Er wurde 1909 Direktor der Viktoria Schule und mußte sich daher von den Museums- und Vereinsaufgaben zurückziehen. Er konnte diese an Ernst Gosebruch übergeben, der ebenfalls zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit innerhalb der Essener Kultur heranwuchs. Gosebruch war als Kunsthistoriker ein absoluter Promotor der zeitgenössischen Kunst, sowohl der deutschen, das heißt vorwiegend der expressionistischen als auch der internationalen, hier vorwiegend der französischen, damals die Malerei des Impressionismus und Postimpressionismus. Man darf nicht vergessen, wie feindlich damals die offizielle Meinung der modernen, vor allem der französischen Kunst gegenüberstand. Man denke nur an den Skandal, den der Erwerb des Gemäldes „Mohnfeld“ von van Gogh 1911 durch Gustav Pauli für den Kunstverein in der Kunsthalle Bremen hervorrief und welche Probleme Hugo von Tschudi als Direktor der Nationalgalerie in Berlin für sein dezidiertes Interesse an zeitgenössischer Kunst bekam. Eine unwürdige Rolle spielte dabei das national eingefärbte Kunstunverständnis von Kaiser Wilhelm II. Wir wissen, welchen Einfluß dieser in Essen hatte, sowohl durch dessen Zugehörigkeit zu Preußen als auch durch die enge Verbindung der Hohenzollern zu der Familie Krupp. Um so mehr muß man bewundern, dass sich Borchardt und Gosebruch und der Essener Kunstverein mutig und konsequent für zeitgenössische Kunst eingesetzt haben. So inszenierte Gosebruch  1909, 1910 und noch einmal 1927 große Emil Nolde-Ausstellungen  und mehrmals Ausstellungen mit französischer Malerei, die einen  großen Eindruck in der Bevölkerung hervorgerufen haben müssen, folgt man den Berichten in den Zeitungen. Der Essener Kunstverein widmete sich in diesen Jahren intensiv der pädagogischen Unterstützung des Museums durch Vorträge, Führungen und  Schriften.

Traditionell widmen sich Kunstvereine der Aufgabe, Ausstellungen der Avantgarde, wie auch immer sie erscheint, zu veranstalten und dadurch die zeitgenössische Kunst zur Diskussion zu stellen. Der Kunstring am Museum Folkwang und vor ihm der Essener Kunstverein unterscheiden sich vom klassischen Kunstverein durch die Beschränkung auf die pädagogische Kunstvermittlung. Der Kunstring  veranstaltet deshalb keine eigenen Ausstellungen, wie dies bis 1910 und vereinzelt bis 1922 der Fall war. In dieser Beschränkung liegt aber auch seine Stärke. Die Satzung des Kunstrings formuliert die Aufgaben wie folgt:( § 2) „...es sollen die Kunstsammlungen des Museum Folkwang in Essen der Bevölkerung durch Führungen, Kurse und Herausgabe von Schriften zugängig gemacht und durch Vorträge, Exkursionen und Edition von Jahresgaben Verständnis und Liebe für alle Gebiete der bildenden Kunst geweckt werden.“ Diese Zielsetzung besteht nahtlos vom Museumsverein des Jahres 1901 über den Essener Kunstverein 1910, den Kunstverein Folkwang 1924 und zum Kunstring Folkwang 1935 bis heute. Welches bedeutende Museum  hat schon einen derartigen Hintergrund in einer ihm verpflichteten und gleichzeitig aber unabhängigen Vereinigung von kunstliebenden Bürgern?

Die enge Verbindung von Museum und dem ihm pädagogisch verpflichteten Verein bestand also von Anfang an. Die gleichzeitige Unabhängigkeit hat im ersten Weltkrieg , der Nazizeit und im 2. Weltkrieg wesentlich zu dem Überleben des Vereins und des Museums  beigetragen. Die Aufgaben haben sich durch die Abgabe der Ausstellungs-, Anschaffungs- und Verwaltungsarbeit an das Museum  bis 1922 zu Gunsten des Bildungsauftrages verschoben und diesen dadurch verstärkt. Mit dem Ankauf der Sammlungen von Karl Ernst Osthaus 1922 durch Essener Bürger für die Stadt Essen und die Schaffung eines Museums von internationalem Rang teilte sich auch die Aufgabenstellung.

Der neu gebildete Verein , benannt als Folkwang-Museumsverein, übernahm fortan die Aufgaben der Finanzierung  und Unterstützung zusammen mit der Stadt, der Kunstverein widmete sich der Bildungsarbeit im Sinne der „Folkwang-Idee“ und nahm daher folgerichtig im Jahre 1924 den Namen Folkwang an, den der Kunstring bis heute trägt. Die enge Verbindung zwischen Museum und seinem  Bildungsverein war immer auch räumlich vorhanden. Die Räume des Vereins bzw. Kunstrings waren im Museumsgebäude und auch die personelle Verbindung wurde stets angestrebt. So waren Mitglieder des Museums im Vorstand des Kunstvereins und später des Kunstrings tätig. Auch Mitglieder des Museumsvereins, wie Ernst Henke, Vorstandsmitglied der RWE und Mitgründer des Folkwang-Museumsverein, waren nach 1945 leitend im Vorstand des Kunstring Folkwang tätig. In einem Vertrag zwischen Kunstring und Stadt Essen im Jahr 1974 werden die Aufgaben beider Seiten erstmals rechtsgültig formuliert. Damit ist verbunden, dass ein Wissenschaftler des Museums zugleich die Position des Geschäftsführers im Kunstring einnimmt und der Kulturdezernent die Stadt Essen im Vorstand vertritt. Ferner soll der Vorsitzende oder ein anderes Mitglied des Vorstandes möglichst Mitglied des Kuratoriums des Museum Folkwang sein.  Diese Konstruktion ist in der Museumslandschaft einzigartig und hat sich sehr bewährt. Sie besteht seit 1973, als der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Museums, Dr. Herbert Rickmann, in Personalunion auch Geschäftsführer des Kunstrings wird.

Die geistige Identität von Museum und  Kunstring hat seine große Bewährung während zweier epochaler Katastrophen für unsere Stadt erfahren: während des ersten Weltkrieges und während der nationalsozialistischen Diktatur und dem zweiten Weltkrieg , insbesondere in deren letzten Phasen. Im ersten Krieg wurde die sich so gut entwickelnde Tätigkeit des Museums 1914 abrupt unterbrochen. Die von ihm im Grillohaus verwahrten Kunstgegenstände wurden ausgelagert. 

Nur der Kunstverein hielt die Idee des Museums durch Vorträge während des Krieges unermüdlich aufrecht und stärkte dadurch die  Position des Museumsdirektors Gosebruch. Selbst  nach Kriegsende hatte dieser große Schwierigkeiten, für das Museum neue Räume zu gewinnen. Glückhaft  war daher die großzügige Schenkung von Dr. Hans und Dr. Karl Goldschmidt, die ihre Häuser in der Bismarckstraße dem Museum zur Nutzung übergaben. Dieses und der Kunstverein fanden dort ihr neues Zuhause. 

Die zweite große Herausforderung kam während der Nazizeit. Leider sind bei der Zerstörung des Museum 1945 auch die meisten Unterlagen des Kunstrings vernichtet worden. Wir wissen aber, daß die 1934 ehrenamtlich in die Leitung des Kunstrings eingetretene Kunsthistorikerin Dr. Käthe Klein zusammen mit  Dr. Heinz Köhn das Überleben des Kunstrings und des Museums gesichert haben. Die Umbenennung aus „Kunstverein“ in „Kunstring“ entschärfte den Zugriff der Nazis.

Dr. Käthe Klein steuerte umsichtig, mutig und wohl auch sehr diplomatisch den Kunstring durch diese Zeit. Die Vortrags- und Kurstätigkeit wurden keineswegs unterbrochen; die Vorträge behandelten nun nicht mehr Themen zur zeitgenössischen Kunst, sie gab es in Deutschland durch den rigorosen Eingriff der Nazis faktisch nicht mehr. Auch im Museum Folkwang wurden 1937 mehr als  1200 Kunstwerke beschlagnahmt, geraubt und gegen Devisen verkauft. Der Kunstring mit Dr. Klein und Dr. Köhn als Arbeitsausschuß hielt sich ideologisch zurück, ging keine Kompromisse zu der von den Nazis propagierten „volksnahen“ Kunst ein und wich viel mehr auf Themen zur alten Kunst aus. Die zunehmenden Luftangriffe ab 1940 führten natürlich zu Einschänkungen, die Museumsbestände waren zu Beginn des Krieges bereits  ausgelagert  worden.

Dr. Klein führte unverdrossen die Kulturarbeit weiter. Am Tage der weitgehenden Zerstörung des Museums, dem 26. März 1944, hielt sie vormittags noch einen Vortrag im Museumssaal  über „Altdeutsche Malerei in der Hansestadt Köln“. 3 Stunden später lag der Saal in Schutt und Asche. In den Monaten bis Kriegsende führte Frau Dr. Klein die zusammenschrumpfende  Kunstgemeinde noch in Privatwohnungen zusammen, bis auch dies durch Daueralarm nicht mehr möglich war. Man kann nur bewundernd feststellen, wie durch die Arbeit dieser Menschen der Folkwang-Gedanke durch die schweren Zeiten getragen  und bewahrt wurde, ein wahres Ruhmesblatt für den Kunstring.

Natürlich brauchte der Kunstring nach dem Krieg viele Jahre, um sich zu erholen. 1945 hatte er noch 198 Mitglieder, im Jahre 1968 waren es wieder ca. 2000,heute sind es ca. 4000 Mitglieder. Die glückliche Fügung, daß Dr. Heinz Köhn 1945 die Leitung des Museums übernahm, das neu erbaute Museum 1960 eröffnet werden konnte und der dem Kunstring sehr gewogene Prof. Paul Vogt 1963 Direktor wurde, erleichterte auch dem Kunstring seine Tätigkeit. 1960 konnte das stolze Goldjubiläum begangen werden, auf das eingangs hingewiesen wurde. Mit dem Tod von Dr. Käthe Klein im Jahre 1970 endet quasi auch die Nachkriegsperiode.

Es war der Weg bereitet für eine  bedeutende Weiterentwicklung des Kunstrings. Wir haben diese in jährlichen Kurzberichten in diesem Buch dargestellt. Der Kunstring hat sich seit 1970 wieder bewußt auch der Vermittlung zeitgenössischer Kunst gewidmet und ist dabei den Anregungen der herausragenden Austellungsleiter des Museum Folkwang gefolgt. Unvergessen sind die „Künstlergespräche“ etwa mit Josef Beuys und vielen anderen. Filme, vor allem experimenteller Art wie von Andy Warhol wurden in das Programm aufgenommen. Entsprechend dem Folkwang-Gedanken, der alle Kunstarten vermitteln will, wurden Musik und der Tanz in das Museum geholt.

Nach der erfolgreichen Reihe „Jazz im Museum“ in den 70ziger und 80ziger Jahren nähern wir uns in einer kürzlich begonnenen Konzertreihe der modernen und modernsten Musik. Nicht vergessen dürfen wir unsere Vortragsreihen und Führungen, mit denen wir die großen, unter dem jetzigen Direktor Dr. Georg-W.  Költzsch ausgerichteten Ausstellungen im Museum begleiten, so unter anderem zu „Vincent van Gogh und die Moderne“, „Edvard Hopper und die Fotografie“, „Morosow und Schtschukin. Die Sammler. Monet bis Picasso“, „Paul Gauguin. Das verlorene Paradies“, „Das Bauhaus“ und in diesem Jahr die Retrospektive zu „William Turner“. Die von 1997 bis 1999 erfolgte Modernisierung des Altbaus feiert der Kunstring bei der Neueröffnung mit einem festlichen Abend im Museum.  Interessanterweise beobachten wir bei unseren Mitgliedern in letzter Zeit eine verstärkte  Nachfrage nach thematischen Führungen im Museum.

Konsequent bauen wir dieses Programm aus, wobei uns eine große Schar von jungen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern zu Seite steht. Und schließlich sind unsere Exkursionen zu Kunstereignissen und Kunstlandschaften in der näheren und weiteren Umgebung  außerordentlich beliebt. All dies mag der Grund sein, daß der Kunstring jährlich annähernd 10.000 Besucher für seine Veranstaltungen anzieht, 1990 wegen der Ausstellung „Vincent van Gogh und die Moderne“ sogar  21.695. Die Anzahl der Mitglieder hält sich zur Zeit bei etwa  3800 bis 4000, natürlich mit Schwankungen nach oben und unten.

Dieser Rückblick auf 100 Jahre gedenkt dankbar der Gründer im Jahre 1901, der Träger und Verwirklicher des kulturellen Auftrages über die Jahre hin und des treuen  Engagements der Essener Bürger ,vor allem in den Jahren der Kriege und der Diktatur. Die Idee der Gründer hat sich bewährt und zeigt sich stärker denn je. Der Kunstring Folkwang ist einer der wichtigen Träger und Bewahrer von Kultur in der Stadt Essen und weit darüber hinaus. Dass er dies sein kann, verdankt er vor allem seinen Mitgliedern, den Menschen im Museum Folkwang , der Stadt Essen mit ihren Vertretern und nicht zuletzt der bildenden Kunst.

Diese fasziniert, begeistert, macht nachdenklich und hilft den Menschen stets von Neuem, ihre Zeit und ihr Leben besser zu verstehen. Dafür will der Kunstring Folkwang auch in Zukunft tätig sein.